„Ein echter Karateka ist mehr als ein Kämpfer"

 

Bericht über Sascha Ungericht
- Gäubote Dienstag 19.Oktober 2010
- Porträt von Sven Gruber
- Rechte am Bild: Gerhard Bäuerle

 

 

„Ein echter Karateka ist mehr als ein Kämpfer“
Karate: Für den 20 jährigen Jettinger Sascha Ungericht ist sein Sport eine Lebensphilosophie

Niemand kann im Karate-Do Perfektion erreichen, bevor er nicht letztlich zu der Einsicht gelangt, dass es mehr als alles andere eine Lebensphilosophie ist. Sascha Ungericht kennt die Weisheit von Gichin Funakoshi genau. Der 1957 verstorbene japanische Meister hat die fernöstliche Kampfkunst erst aus dem Schatten des Verborgenen geholt und später weltweit populär gemacht.
Ein Glück für Ungericht. Denn wer den heute 20 jährigen von früher kennt, und ihm heute über den Weg läuft, kommt fast zwangsläufig ins Grübeln. Aus dem einst schüchternen und schmächtigen Bürschchen von damals ist ein durchtrainierter, selbstbewusster junger Mann mit äußerst klaren Vorstellungen geworden, der in sich zu ruhen scheint.
 „Das hat das Karate bewirkt“, meint Ungericht entspannt lächelnd. Über die Zeit vor seiner „Verwandlung“ erzählt er nicht gerne. „Ich bin in der Hauptschule auf dem Pausenhof gemobbt und auf dem Heimweg körperlich angegangen worden“, erzählt der adrette Sportler mit der modischen Igelfrisur. Verlegen knipst Sascha Ungericht seine beiden Daumennägel aneinander. „Es ist manchmal immer noch etwas komisch, über diese Erlebnisse zu reden.“
Verantwortlich für diese Metamorphose ist Heiko Zimmermann, sein Mentor und Karate Trainer. Für den Polizisten und Träger des 4. Dan war es keine Überraschung, als Ungerichts Mutter 2002 an ihn herantrat, ihren 12 jährigen Sohn doch bitte unter seine Fittiche zu nehmen.
„Unsere Familien sind gut befreundet, ich kannte Sascha also“. Dass sich die Mitschüler ausgerechnet den sensiblen und schüchternen Jungen ausgesucht hatten, war für Zimmermann keine Überraschung: „Sascha konnte sich auf Grund seines feinen Charakters und seiner besonnenen Art gegen diese Chaoten nicht behaupten.“

Talent des Jungen ist schnell erkannt

„Deshalb haben wir zuerst nur Selbstverteidigungstechniken trainiert“, erinnert sich Ungericht noch bestens an die Anfänge im Übungsraum des Zimmermann´schen Hauses. Sein Lehrer entdeckt schnell, dass in dem Heranwachsenden eine gehörige Portion Talent schlummert und führt ihn in die Kunst des Karate ein.

Im Mai 2003 treten Sascha und sein jüngerer Bruder Marc dann dem Dojo Jiriki in Gäufelden bei. „Danach habe ich angefangen, mich nicht nur intensiv mit den Bewegungsabläufen auseinanderzusetzen“, erklärt der kampfsportbegeisterte Jettinger. Fortan las Sascha Ungericht viel über Funakoshis Weisheiten und dessen Philosophie: “Ein echter Karateka ist mehr als bloß ein Kämpfer. Denn um ausgeglichen zu sein, will auch der Geist trainiert werden“, erklärt der wissbegierige junge Sportler. Dieses Motto ist zum Leitmotiv geworden. Ungericht setzte sich auf den Hosenboden, machte seinen Realschulabschluß nach und besuchte für 2 Jahre eine Berufsfachschule.“ In Kürze stehen für mich die Abschlußprüfungen zum Fahrzeugmechatroniker an“, erzählt der Auszubildende im letzten Lehrjahr mit sanfter Stimme, „ darauf konzentriere ich mich gerade“. Das Karate muß daher in den Hintergrund treten.

Ganz so unrecht ist das Sascha Ungericht nicht. „Ich habe im August meine 1. Dan Prüfung erfolgreich abgelegt“, berichtet der neue Schwarzgurt ohne Arroganz in der Stimme.

Vorbei sind damit all die körperlichen Strapazen der einjährigen Vorbereitung: fünfmal joggen pro Woche, dazu tägliches Training. „Das war schon hart, sich neben der Ausbildung voll und ganz auf diesen einen Tag vorzubereiten“, gibt er zu, „deshalb ist es gut, dass es bis zum nächsten Grad noch eine ganze Weile hin ist“. Bis dahin gehen gut und gerne fünf, sechs Jahre ins Land. Im Augenblich ist sein Trainer und Lehrmeister Heiko Zimmermann erst einmal richtig stolz auf ihn: “Er hat kein einziges Training gefehlt und seine Sache richtig gut gemacht“.

Dojo wird ein Stück Zuhause

Das liegt auch an der Atmosphäre, die Ungericht in seinem Heimat Dojo vorfindet.

Es trägt den namen „Jiriki“ - wörtlich übersetzt: Die eigene Kraft. „Es ist seit meinem Eintritt 2003 ein Stück Zuhause für mich geworden. Gerade, weil es nicht nur um die Wettkampferfolge geht, davon kann ich genug aufweisen“, sagt der Karateka. Das Imponiergehabe vieler Sportler ist nicht seine Sache. „Es gefällt mir nicht, dass manch einer seine Überlegenheit anderen gegenüber selbst dann noch demonstrieren muss, wenn der Kampf längst gewonnen ist“.

Das liegt ganz auf der Linie Funakoshis Philosophie:
„Das höchste Ziel im Karate-Do ist nicht der Sieg oder die Niederlage,
sondern die Vervollkommnung des menschlichen Charakters“.
SVEN GRUBER